Hollywood-Klassiker haben Nabil Harlow geprägt. Für Balmain designt er Schnitte, die man sich immer wieder gern anschaut


 

In den Siebzigern sorgte das Pariser Modehaus Balmain erstmals fern des Laufstegs für Furore – mit Perücken und Haarverlängerungen. Als erster „Hair Creative Director“ steht heute der 32-jährige Franzose Nabil Harlow an der Spitze von Balmain Hair Couture. Der Stylist, Perückenmacher und „Haarzauberer“ soll neue Trends setzen.

Wie wäre es mit ein paar guten Neuigkeiten vorweg: Wann ist Schluss mit dem Männerdutt?

Der gehört defi nitiv abgeschnitten. Erst trug ihn jedes Model, dann jeder Hipster. Dazu die ganzen Vollbärte … Beides haben wir lange genug gesehen. Wenn etwas überall auftaucht, dann ist es für mich schon längst ein alter Hut.

Wie sollten Männer stattdessen in diesem Jahr ihr Haar tragen?

Ich hoffe, die Männer entdecken mal wieder den Hippie in sich. Sie sollten nicht so ernst an die Sache herangehen, sondern nach Herzenslust herumprobieren und das Haar auch mal so sein lassen, wie es ist. Grundsätzlich glaube ich, dass Männer zu viel Energie in ihre Frisur stecken. Natürliches Haar sieht meist viel besser aus als ein übermäßig gestylter Look. Mein „Idealmann“ fährt morgens einfach mit den Fingern durch die Haare. Produkte, die ein bisschen Textur ins Haar bringen, es jedoch nicht unbeweglich, steif oder fake aussehen lassen, sind okay, wie unser „Matt Clay Strong“. Eine Frisur darf die Person nicht verändern, bloß ihren Typ unterstreichen. Wenn ich einem Mann die Haare schneide, muss es hinterher aussehen, als ob er sie sich gerade wachsen lässt. Gerade um die Ohren darf es nicht zu exakt und scharf geschnitten sein. Das ist total out.

Sie sind der erste Hair Creative Director einer Modemarke. So etwas gab es bisher nicht.

Bei Balmain wünschte man sich einen Visionär für Frisuren, schließlich gibt es kein weiteres Couture-Haus mit eigenen Haarprodukten. Andere haben allenfalls Parfums oder Make-up. Ich kümmere mich nicht nur um die Hairstyles bei den Modenschauen, sondern setze mit einer Kollektion von Trendfrisuren in jeder Saison kreative Akzente.

Wie eng arbeiten Sie mit Creative Director Olivier Rousteing zusammen?

Erst einmal fange ich mit meinen eigenen Ideen an. Dann schaue ich, welche Themen die Welt bewegen und was gerade in Mode kommt. Natürlich hat Balmain selbst eine starke DNA, daher stimme ich mich sehr eng mit Olivier ab. Meistens teilen wir eine Vision. Letztlich müssen wir dafür sorgen, dass am Ende alles zusammenpasst. Haare und Mode.

Auf Ihrer Website stößt man rasch auf das Zitat: „Ich will keinen Realismus. Ich will Magie!“ Ihr Lebensmotto?

Der Satz stammt aus dem Film „Endstation Sehnsucht“ mit Marlon Brando und Vivian Leigh, er spricht mir aus der Seele. Sonst hätte ich ihn mir wohl kaum auf den linken Unterarm tätowieren lassen. Ich möchte mit meiner Arbeit magische Momente schaff en und möglich machen, was eben noch unmöglich erschien. Was ich gar nicht mag, ist der Satz: „Das geht nicht.“

Für welche weiteren Filme schlägt Ihr Herz?

Ich liebe „Dinner um acht“ und „Saratoga“, zwei großartige Filmkomödien aus den 1930ern. Ich bin überhaupt ein großer Fan dieser ganzen Hollywood-Ära, in der die Studios ihre Stars aufwendig formten. Ich weiß alles über diese Zeit.

Inspirieren Sie die Looks von damals?

Absolut. Die Filme haben mein Frauenbild geprägt. Ich mag „richtige“ Frauen. Die ganzen It-Girls, die jeden Trend mitmachen, interessieren mich nicht. Eine Frau, die Balmain trägt, hat eine sehr starke Persönlichkeit, genau wie der Balmain-Mann. Meine Muse für die erste Haarkampagne war beispielsweise das Topmodel Amanda Wellsh. Eine richtige Femme fatale, die ich mir auch sehr gut in einem meiner geliebten alten Filme vorstellen könnte.

Dass Sie Ihre Kariere in der Filmindustrie begonnen haben, scheint also kein Zufall zu sein.

Die alten Leinwandklassiker haben mich als Kind so fasziniert, dass ich schon früh davon träumte, eines Tages an einem Set zu arbeiten und Teil dieses Spektakels zu werden. Ich habe daher nicht nur eine klassische Friseurausbildung gemacht, sondern bin auch Colorist und Perückenmacher. Zunächst durfte ich zwei Jahre an diversen französischen Sets arbeiten, mit 19 bin ich nach New York und zum Fernsehen gegangen. Das spannendste Projekt aus meiner Anfangszeit war sicherlich die Mitarbeit an den Perücken für „Fluch der Karibik“ im Pariser Atelier von John Nollet. Leider konnten wir nicht zum Set. Wir bekamen nur die Kopfmaße von Johnny Depp und haben dann die fertigen Perücken nach Los Angeles geschickt. Nach und nach bin ich ins Mode-Business gewechselt, blicke aber dankbar auf diese spannenden Lehrjahre zurück!

Was hat Ihnen die Zeit am Filmset gebracht?

Am Set lernt man noch viel mehr Dinge als backstage bei einer Modenschau. Der Film kann beispielsweise im 13. Jahrhundert spielen. Du musst also viel über Frisuren aus dieser Zeit herausfinden, ihre Textur und das Handwerk von damals verstehen. Vieles davon existiert heute nicht mehr oder droht, in Vergessenheit zu geraten.

Wer sind Ihre Kinohelden – mit den schönsten Haaren?

Ich liebe Marlon Brando – und Clark Gable natürlich. „Vom Winde verweht“ ist einer meiner Lieblingsfilme. Aktuell mag ich Matthew McConaughey. Sein Haar sieht immer toll aus.

Sogar Ihr Name ist eine Hommage an Hollywood.

Jean Harlow ist ja meine absolute Lieblingsschauspielerin, und von ihr habe ich meinen Künstler-Nachnamen. Sie war die erste platinblonde Frau in Hollywood. Um ihren frühen Tod ranken sich viele Gerüchte: War es Alkoholsucht, Magerwahn oder eine missglückte Abtreibung? Vielleicht hat aber auch Jean Harlows signifikanter Look ihr vorzeitiges Ende besiegelt: So musste sie ihre Haare jede Woche färben, während der Dreharbeiten durfte kein dunkler Ansatz zu sehen sein. Damals nutzte man zum Blondieren jedoch noch einen extrem giftigen Cocktail aus Ammonium, Chlorbleiche und Seifenflocken. Und der Legende nach hat dieser gefährliche Mix aus Chemikalien ihr Gehirn angegriffen.

Eine ziemlich deprimierende Geschichte.

Stimmt, ihr Kampf um Perfektion hat sie das Leben gekostet. Perfektion kann also gefährlich werden, das blieb damals bei mir hängen, und darüber denke ich auch immer wieder mal nach. Trotzdem wollte ich ihren Namen wie einen Glücksbringer tragen. Schließlich hat sie mich erst dazu gebracht, all diese Dinge zu lieben: den Glamour, das Blitzlicht, die Divenfrisuren.

Dieses Interview erschien erstmals 2016 in L'Officiel Hommes.

Foto: Balmain Hair Couture

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